Sonntag, 8. April 2012

Opferkult

Großartig, was heutzutage so alles geht. Am Ostersonntag kann ich schon den "Spiegel" von Dienstag lesen. Ein anderes Titelbild als beispielsweise ein Exemplar in Wanne-Eickel hat meine Ausgabe auch, da der Titel sich mit "Heimat" beschäftigt. Die Hamburger bekommen als Titelbild den Elbstrand.

Spannender fand ich aber einen Artikel von Gisela Friedrichsen zum Thema des Opferschutzes und dessen stetiger Ausweitung. Eine richtige Meinung von Frau Friedrichsen kann ich dem Artikel nicht entnehmen. Sie listet einige Prozesse auf, in denen die mutmaßlichen Opfer eine breiten Raum eingenommen haben. Beispielsweise das Verfahren gegen den Vater des Amokschützen von Winnenden oder den gerade in Hamburg stattfindenden Prozess gegen den "Todesfahrer von Eppendorf". Ein Zitat ("Opfer sind Kult.") eines Münchner Strafverteidigers wird genannt. Ansonsten nicht viel Neues in dem Artikel.

Ich würde mich wünschen, dass der Opferschutz schon lange vor dem Gerichtsverfahren einsetzt. Nach meiner Erfahrung wissen die Menschen bei bzw. vor der Erstattung einer Anzeige nicht, was überhaupt auf sie zukommt. Dass sie möglicherweise mehr als einmal vor Gericht aussagen müssen; dass es für einen erwachsenen Zeugen gar nicht so einfach ist, in Abwesenheit des Angeklagten auszusagen; dass sie ein Strafverfahren nicht nach Belieben irgendwann stoppen können, weil sie nicht mehr möchten. Die Liste könnte ich lange fortsetzen.

Bei allen meinen (wenigen) Nebenklagemandaten hatten die Mandanten völlig falsche Vorstellungen von dem Ablauf des Verfahrens. Einer Mandantin war bei der Polizei wohl versprochen worden, dass sie nicht vor Gericht aussagen müsse. Die Aussage bei der Polizei sei ausreichend, sie brauche keine Angst haben.

Hier sollte der Opferschutz ansetzen - aber wahrscheinlich besteht daran nicht unbedingt Interesse.

Kommentare:

  1. Ich war von 1982 bis 2007 als Büroleiter bei einem Strafverteidiger tätig. Die Diskussion über Opferschutz hat es bereits 1982 gegeben. Damals auf noch dürftigerer Informationsgrundlage als heute. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt sind Organisationen wie der "Weisse Ring" auch erst später gegründet worden. Mein damaliger Arbeitgeber hat stets grossen Wert darauf gelegt, in Nebenklagesachen oder auch bei geplanten Strafanzeigen umfassend und nicht beschönigend zu informieren. Später kam dann die Möglichkeit dazu, Mandanten an Organisationen weiter zu vermitteln, die sich helfend einschalten konnten. Ich sehe spätestens mit der Einführung der "Verständigung" im Strafverfahren zunehmend eine Grauzone entstehen, in der die Grenze zwischen Opferschutz und Vorverurteilung sowohl bei den jeweiligen Staatsanwaltschaften wie den Gerichten deutlich angekratzt wird. Kommen die Fälle hinzu, in denen Aufenthaltsorte von Opfern oder Zeugen geheimgehalten werden sollen, was nicht immer funktioniert. Ich sehe bis heute keine Lösung, die Opfern - bis zur Verurteilung sind es per Definition nur mutmassliche Opfer - oder Zeugen, den Stress wesentlich vermindern kann. Selbst wenn Befragungen und andere vorbereitende Handlungen sehr gut abgestimmt und mit viel Einfühlungsvermögen durchgeführt werden, bleibt häufig eine sehr lange Wartezeit bis zum Termin oder die mehrfache Wiederholung des Vortrags, und damit erneutes Aufkratzen der Erinnerung, in mehreren Instanzen. Ich habe im übrigen auch Mandanten erlebt, die selbst bei einer vermeintlich harmlosen Kündigungsschutzklage oder einer Verkehrsunfallregulierung, an ihre psychischen und körperlichen Grenzen gekommen sind. Die inzwischen recht häufig anzutreffende Neigung von "Opfern" sich ausgiebig bei der Presse auszulassen, erschwert mir mein Mitgefühl in diesen Fällen deutlich. Dieser für mich absurde Drang an die Öffentlichkeit macht es zudem denjenigen schwerer, die tatsächlich durch einen Vorfall in eine schwere persönliche Krise geraten sind und teilweise Jahre brauchen, um sich zu stabilisieren.

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  2. Abwesenheit oder doch eher Anwesenheit? Oo

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  3. Abwesenheit. Ich bezog mich auf die Möglichkeit, den Angeklagten während der Vernehmung eines Zeugen (§ 247 StPO).

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  4. "Eine richtige Meinung von Frau Friedrichsen kann ich dem Artikel nicht entnehmen."

    Das nennt sich im Zweifel "Journalismus". Geht auch mit Meinung, muß aber nicht.

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  5. RPflNiedersachsen13. April 2012 um 13:00

    "Eine richtige Meinung von Frau Friedrichsen kann ich dem Artikel nicht entnehmen"

    Ich dachte immer bei Fr. Friedrichsen wäre das ein Stilelement...

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  6. der Dativ ist dem Genetiv sein Tod.

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