Dienstag, 12. Oktober 2010

Mandantentypologie Teil I - Der Vollmachtsleser

Welcher der werten Leser und Nichtjuristen war schon einmal beim Anwalt? Ja, doch einige, schön. Wer hat da eine Vollmacht unterschrieben? Ja, habe ich mir gedacht. Wer hat die genau vorher gelesen? Ah, interessant.

Meist droht Ungemach, wenn ein Mandant die zu unterschreibende Vollmacht von vorne bis hinten liest. Komisch eigentlich, ist aber ein Erfahrungswert. Wer die Vollmacht liest oder gar eine Kopie möchte, mit dem gibt es in der Regel Ärger, meist mit der Bezahlung.

Dabei wollen wir Anwälte mit der Vollmacht doch nichts Böses. Weder einen Staubsauger verkaufen, noch uns als Alleinerben bestellen. Im Zweifel dient sie allein dazu, die Beauftragung nachweisen zu können. Meist bleibt sie bei der Akte und kein anderer Mensch bekommt sie je zu Gesicht.

Wissenswertes zur Vollmacht findet sich übrigens hier.

Kommentare:

  1. Dabei raten doch gerade Anwälte wie Sie, nichts zu unterschreiben, was man nicht gelesen hat. tststs

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  2. @fernetpunker
    Ja, schon. Aber doch nicht beim Anwalt. ;-)

    @RA JM
    Huch. ;-)

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  3. Ich bin ein Vollmacht-Leser und Kopien-Verlanger. Trotzdem habe ich fast (*) alle meine Rechnungen prompt bezahlt (nämlich umgehend). Allerdings waren es Zivilverfahren und Sie machen ja Strafverfahren. Und ausserdem waren die Ergebnisse bei mir immer positiv, d.h. Prozess gewonnen oder Risiko aussergerichtlich eingedämmt.

    Die Vollmachten sind verdammt breit gefasst, *theoretisch* könnte der RA aussichtlose Berufung einlegen ohne den Mandanten vorher zu fragen und auf diese Weise Kosten generieren. Ich kenne solche Fälle nur aus dem TV (meistens Betreuer), alle RA die für mich gearbeitet haben waren ehrlich und tüchtig.

    Was gibts sonst noch, was Sie nicht mögen? Mandanten die die Schriftsätze genau lesen und gar korrigieren?

    (*) Einmal blieb ein Restbetrag von ca. 30 Euro zunächst unbezahlt vermutlich wegen eines Bedienungsfehlers im Homebanking. Peinlich! Der Betrag wurde dann aber nach Erinnerung am gleichen Abend bezahlt und ich habe mich per Mail entschuldigt.

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  4. Immer gemeinsam durchgehen, was man da unterschreibt.
    Das verhindert Missverständnisse, schafft Vertrauen, und in der Regel auch Motivation, zu bezahlen. IMHO

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  5. Ich sage den Mandanten immer, ich könnte mit der Vollmacht 1000 Kühlschränke für sie bestellen; daß meine Haftpflichtversicherung das sicher aber gar nicht lustig fände ...

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  6. Nur beim Punkt Vergleich. Da würde ich bei einem unbekannten Anwalt mit reinschreiben, das der erst nach Zustimmung des Mandanten erfolgen darf.
    Ich weiß, im Strafrecht gibt es das so nicht, da heißt es "Deal".
    Es gibt aber leider ein paar wenige "Zivis", die sehen nur die Vergleichsgebühr und lassen zu dass der Mandant kräftig über den Tisch gezogen wird.
    Besonders beim Anwalt ;-) und bei der Bank gilt die Devise: Nichts unterschreiben, das man nicht gelesen und verstanden(!) hat.

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  7. Das gibts kaum. Jeder Anwalt weiß, dass er zu einem Vergleich gründlich vorher über die Vor- und Nachteile und Risiken und Nutzen den Mandanten beraten MUSS, damit der Mandant seine Entscheidung verantwortlich treffen kann, und der Anwalt dies nachweisen können muß, ansonsten hat der Anwalt Probleme im Haftungsprozess. Vergleiche werden nie ohne vorheriges (in der REgel: schriftliches) Einverständnis und nach eingehender Beratung dazu abgeschlossen.

    Bei mir unterschreiben die Mandanten auch erst noch eine gründliche Mandatsvereinbarung/-bedingungen (Verbindung aus den vorgeschriebenen Pflichtbelehrungen in einem Dokument, Auftragserteilung und AGB mit den nötigen Regelungen zur Haftungsbegrenzung, Datenschutz etc.), mit der es noch nie ein Problem gegeben hat. Und danach dann auch noch nie ein Problem mit den stetig leider öfter nötigen Honorarklagen, da der Auftragsumfang klar definiert ist.

    Probleme mit Nichtzahlern nehmen zwar zu, sind aber mentalitätsbedingt. Nach meiner Erfahrung meist NUR die Mandanten mit den höchsten Vermögen und Einkommen, und die Erfahrung im Nichtzahlen und Zeitschinden haben, in der Hoffnung, man klagt die Vergütung nicht durch. Tut man aber, keiner hat was zu verschenken und ist auch Grundsatzsache. Und zwar unabhängig davon, ob es um 7000,- geht wie gerade, oder um 120,- wie neulich. Da man schließlich auch für seine Mandanten das Inkasso bei Kleinstbeträgen unter 100,- macht aus Prinzip, logischerweise auch bei sich selbst.
    Eine Zahlungsverweigerung von den - berechtigten - Vollmachtslesern und -hinterfragern habe ich allerdings noch nie gehabt.

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  8. Nun, der einzige Anwalt, der sich bislang
    wegen des Durchlesens der Vollmacht nass machte
    und erst nach längerem Insistieren eine Kopie
    heraus gerückt hat würde mir vermutlich wirklich
    vorwerfen, bei der Bezahlung etwas zurückhaltend
    gewesen zu sein.

    Leider gab es dafür gute Gründe. Meinte zumindest sein Nachfolger, der mich in der eigentlichen Sache sehr gut beraten hat und gleichzeitig seinen Vorgänger recht schnell davon überzeugen konnte dass mangelhafte Beratung und fortgesetzte Fristversäumnisse einfach keine
    Bezahlung sondern Schadenersatz bedingen.

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  9. Erfahrung, pure Erfahrung.
    Man kennt das ja, die ANwaelte lassen sich vorher bezahlen. Reagieren dann aber nicht auf Anrufe. Und wer weiss, was die so in den Vollmachten verstecken.
    Im Uebrigen wollen wollen wir Mandanten mit der Regel: "Erst Leistung,dann Geld" doch auch nichts Böses. Im Zweifel dient das dazu die faulen, schwarzen Schafe auszusortieren.

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  10. Hmm, die Erfahrung habe ich so bislang nicht gemacht.

    Irgendwie freut es mich fast ein bißchen, wenn Mandanten die Vollmacht wirklich lesen. Das sind jedenfalls Mandanten, die auch etwas umsichtiger durch das Leben gehen und auch im Internet nicht in jede Kostenfalle tappen und jedem Zeitschriftenwerber den Lebensunterhalt aufbessern.

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  11. Ich hatte noch nie Ärger mit Vollmachtslesern. Ich sage immer dazu, dass der Kühlschrank dann nächste Woche geliefert wird. Dann hören die meisten wieder auf zu lesen;-)

    @ anonym 12:08: Auch der Anwalt will nichts böses, wenn er vorher Geld will. Er will seine - berechtigten - Honoraransprühe sichern. Denn anders als ein Handwerker, kann er nichts zurückbehalten und auch nichts mehr ausbauen.

    Im Übrigen sind es meist wirklich die Mandanten, die am meisten Geld haben, die die Rechnungen nicht bezahlen. Naja, vom Geldausgeben wird man halt nicht reich.

    Diejenigen, die nix haben, zahlen meist zuverlässig ihre Raten. Meine Erfahrung.

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  12. Scharnold Warzenegger13. Oktober 2010 um 14:39

    Die Zahlungsmoral hängt nach meiner Erfahrung ganz wesentlich mit der Leistung des Anwalts zusammen.

    Bisher habe ich auch immer pünktlich gezahlt. Aber in einer Sache, wo der Anwalt m.E. Mist gebaut hat, warte ich gerade auf den Mahnbescheid, damit die Sache - nach Widerspruch - anschliessend vor Gericht ausgetragen werden kann.

    Und das ist auch der Grund, warum ich die Vorkasse blöd finde. Der Anwalt hat seine Kohle, egal ob die Leistung ok war oder nicht. Wo gibts denn sonst sowas?

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  13. @RA Will
    Eine schöne Methode, mit dem Kühlschrank.

    @Scharnold Warzenegger
    Vorkasse? Gibt es doch überall. Bei der Reinigung. Beim Schuster. Im Bordell

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  14. @ Scharnold Warzenegger: Warum sollte der Anwalt vorleisten? Auch blöd wenn ich meine Leistung erbringe und der Mandant zahlt nicht.

    Und dann stellt sich auch oft genug die Frage, ob es Unfähigkeit vom Anwalt war, oder ob der Mandant vielleicht falsche und überzogene Erwartungen hatte und Beratungsresistent war. Gerade die Nichtzahler wissen nämlich immer alles selbst am besten und ich frage mich dann wshalb ich 4 Jahre Studiom und 2 Jahre Referendariat gebraucht habe um Gesetze anzuwenden, wenn das doch Mandant viel besser kann. Dann drängt sich auch immer die Frage auf, warum geht man zum Anwalt, wenn man es vermeintlich selbst besser kann? Komisch, oder?

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  15. Scharnold Warzenegger13. Oktober 2010 um 15:43

    Vielleicht ist das auf dem Land ja anders, aber bei der Reinigung und beim Schuster zahle ich immer erst, wenn ich die Sachen abhole und mir fertig anschauen kann.

    Zum Bordell kann ich mangels Erfahrung nichts sagen. Aber so wie ich das verstanden habe, dann zahlt man bei den hiesigen "Clubs" einen pauschalen Eintritt, womit dann alle Serviceleistungen inklusive sind (sogar mit Buffet und Softdrinks). Da kann man also bei Bedarf die nicht befiedigende Leistung "nacharbeiten" lassen.

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  16. Scharnold Warzenegger13. Oktober 2010 um 15:54

    @RA Will

    Das ist doch Quatsch. Ich gewinne etwaige Streitigkeiten regelmäßig selbst, wenn es denn am Amtsgericht ist. Und ich kann recht gut einschätzen, ob (ich oder) der Anwalt Mist gebaut habe. Hat die Sache wenig Aussicht auf Erfolg oder wurde verbummelt, dann muß man die Kröte halt schlucken.

    Spätestens jedoch beim Landgericht MUSS man sich durch einen Anwalt vertreten lassen. Sozusagen eine Gelddruckverordnung für Anwälte. M.E. sollte jeder selbst entscheiden können, ob er sich als befähigt ansieht oder einen Anwalt benötigt. Wer auf die Schnauze fällt ist dann halt selbst schuld. Wer sein Haus selbst baut, muß auch mit schiefen Mauern leben; einen Maurer vorzuschreiben ist offenkundig Blödsinn.

    Im Übrigen sind 4 Jahre Studium und zwei Jahre Wanderschaft keinesfalls ein Nachweis für Befähigung, allenfalls ein Anhaltspunkt. Es gibt genügend Nieten unter den Anwälten (wie in jedem anderen Beruf auch).

    Die Arroganz mancher (!) Anwälte geht mir gewaltig gegen den Strich.

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  17. @Scharnold Warzenegger,

    "Spätestens jedoch beim Landgericht MUSS man sich durch einen Anwalt vertreten lassen. Sozusagen eine Gelddruckverordnung für Anwälte. M.E. sollte jeder selbst entscheiden können, ob er sich als befähigt ansieht oder einen Anwalt benötigt."

    Ganz meine Meinung. Ich bin für die ersatzlose Streichung des § 78 ZPO. Dieser Paragraph stellt eine Bevormundung des ansonsten für mündig gehaltenen Bürgers dar. Für Rechtskenntnisse braucht man keine 2 Staatsexamen vorweisen können.

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  18. Ja ich merke, hier postet die versammelte Freude eines jeden Richters und gegnerischen Anwaltes;-)

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  19. Wie kommt es dann, dass die mündigen Bürger und ihr gesammelten Rechtskenntnisse, ohne Staatsexamina und ohne gängelnden Anwaltszwang dennoch bei der Polizei alles "erklären" wollen.

    Ich würde übrigens @Fernetpunker und @Scharnold Warzenegger als Mandanten ablehnen oder schnell die Mandate kündigen. Da scheint mir irgendwie eine explosive Mischung aus Lehrer und mal 3 Semester Jurastudium vorzuliegen...

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  20. Scharnold Warzenegger14. Oktober 2010 um 18:12

    @Anonym 16:54 Uhr
    Ich bin weder Lehrer noch habe ich mal Jura studiert. Im Gegenteil: ich habe allein im letzten Jahr über 30.000,- Euro für Anwaltshonorare ausgegeben.

    Aber ich weiß eben auch, wann man einen Anwalt braucht und wann nicht. Und vor Allem: wann man sich überhaupt streiten sollte/muß.

    M.E. sollte jeder selbst entscheiden, ob er sich günstig (und möglicherweise schlecht) vor Gericht streiten möchte oder lieber mit Anwalt.

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  21. @ Scharnold Warzenegger

    Sie vergessen dort einen wesentlichen Faktor: Den Staat. § 78 ZPO hat auch den Zweck, den Richter vor uneinsichtigen Bürgern zu schützen und im Sinne der Prozessökonomie einen geordneten, schnellen Prozess zu ermöglichen.
    Ich wage die Vermutung, ohne § 78 ZPO dauern Prozesse länger und nimmt man Art. 19 IV GG bzw. die EGMR Rechtssprechung ernst, müssten dann auch mehr Richterstellen vom Staat geschaffen werden.

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  22. Ich hatte mir in meiner Kanzlei das Vollmachtssammeln ganz abgewoehnt. Zum Beweis der Beauftragung reichen die massenhaften e-mails meiner Mandanten sowie deren Original-Unterlagen, an die ich anderweitig nicht gekommen waere, aus.

    Wenn ein Gegner oder ein Gericht nicht glaubt, dass ich bevollmaechtigt bin, koennen sie sich ja gerne weiterhin an den Mandanten wenden. Die Antwort kommt dann wider von mir.

    Ich gebe allerdings zu, dass ich hauptsaechlich im Familienrecht taetig war und dass das ganze im Strafrecht oder wenn man einseitige Willenserklaerungen abgeben muss natuerlich anders aussieht.

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