Sonntag, 29. August 2010

Plaudertasche

In der Strafsache vor mir ist der Mandant des Kollegen nicht erschienen. Der Vorsitzende fragt: "Kommt er denn noch? Wann hatten Sie denn das letzte Mal Kontakt zu Ihrem Mandanten?"

Der Kollege blättert in seiner Akte und berichtet dann treudoof, wann die Besprechung mit dem Mandanten stattgefunden habe, wann es das letzte Telefonat gab und dass er den Mandanten gestern noch erinnert habe, doch pünktlich zu erscheinen. Das sei ja aber schwierig, wegen des bekannten Alkoholproblems. Verständnisvolles Lächeln bei dem Vorsitzenden.

Auf der Liste "Kollegen, deren Dienste ich nie in Anspruch nehmen würde" ist auf jeden Fall ein neuer Name dabei.

Kommentare:

  1. ... und die PIN-Nummer seiner EC-Karte ist übrigens...

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  2. Was antwortet man denn da, wenn es nicht zu patzig ("Geht sie gar nichts an") sein soll?

    Etwa so: "Ich habe meinen Mandaten am [$gerichtsbekannter Kontaktzeitpunkt] zuletzt gesehen und gesprochen."

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  3. Was ist dagegen einzuwenden? Solche Auskünfte, die kaum der Geheimhaltung unterliegen dürften, sind doch im Interesse des Mandanten, um darzulegen, daß der Mandant im übrigen zuverlässig ist, so daß ein Vorführungs- oder Haftbefehl verhindert werden kann. Wenn man sich als Verteidiger einfach auf die Schweigepflicht beruft, ist der nächste Schritt des Gerichts eine unerwünschte Zwangsmaßnahme.

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  4. @Anonym: Von dem Mandanten zu berichten, daß das Alkoholproblem auch heute noch solche Ausmaße hat, daß sich die Kommunikation und Einhaltung von Terminen als schwierig gestaltet, dürfte regelmäßig nicht im Mandanteninteresse sein.

    Leider merken Mandanten immer erst hinterher (oder gar nicht), ob die Anwaltswahl gut war. Vor geraumer Zeit übernahm ich ein Mandat, in dem der "Kollege" eine viele Seiten lange, handgeschriebene Stellungnahme, die die Mandantin ihm gegenüber abgegeben hatte, offensichtlich ungelesen an das Gericht bzw. die StA weitergeleitet hatte. Die hatten dann die Qual der Wahl, sich aus einer Fülle von Straftatbeständen einzelne herauszupicken.

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  5. @Anonym
    Sicher sollte man abwägen, ob man einen Haftbefehl vermeiden kann. Alkohol- oder Drogenprobleme und Unzuverlässigkeit des Mandanten zu erörtern geht gar nicht. Wie kanzleiundrecht zutreffend schreibt, geht es - abgesehen von Verschweigenheitspflicht etc. - auch und vor allem um das Mandanteninteresse.

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  6. Wenn es sich um "bekanntes" Alkoholproblem des Mandanten handelt, sprich: ein gerichtsbekanntes, sehe ich weder ein Problem mit der Schweigepflicht noch mit den Mandanteninteressen. Alles was, den Eindruck entkräftet, der Mandant sei lediglich dreist, desinteressiert, auf der Flucht, usw., dient den Mandanteninteressen. Natürlich kann man auch einfach sagen: "ich habe keine Informationen" und zusehen, wie der Mandant bis zur nächsten Verhandlung in den Bau wandert, was bei einem Verfahren, in dem keine Freiheitsstrafe auf dem Spiel steht, irgendwie blöd für den Mandanten ist und mit Sicherheit nicht dessen Interessen dient.

    Abgesehen davon habe ich noch nie einen drogen- oder alkoholkranken Mandanten gehabt, der Wert darauf gelegt hat, daß ich seine krankheitsbedingten Ausfälle dem Gericht nicht als Entschuldigung vortrage.

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  7. Dem Kollegen hier Geheimnis- oder sogar Parteiverrat zu unterstellen, ist voreilig.

    Woher wollen Sie wissen, dass der Richter den Angeklagten und seine Alkoholprobleme nicht bereits kannte? Wie viel Sinn macht es, das Vorliegen von Alkoholproblemen zu bestreiten, wenn bspw. bereits einschlägige Voreintragungen vorliegen?

    Zu unterstellen, dass der Kollege hier "treudoof" reagiert hat, ist angesichts der geringen Sachverhaltniskenntnis bloße Spekulation.
    Können Sie sich ein Urteil erlauben, dass die Strategie des Kollegen dem Mandanten zum Nachteil gereicht? Ihm nicht vielleicht sogar nützt?

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  8. Teilen Sie uns doch bitte den Namen mit, damit wir unsere Listen auch erweitern können.

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  9. Man weis so wenig über diesen Fall, als das man sagen könnte, ob jene, sicherlich treudoooofe, Information dem Mandanten genützt oder geschadet hätte. Das steht ja nicht zur Debatte. Da evtl. Alk.-Probleme des Mandanten nunmehr Aktenkundig gemacht wurden, kann sich das später im Urteil auswirken. Man betrachte nur die §§-mäßigen Unterschiede zwischen den verschiedenen "Therapien" (wenn denn eine in Frage kommen könnte). Es macht später durchaus einen Unterschied zwischen § 35 oder gar § 64.
    Ist ein Alk-Problem ursächlich für die Tat, für die er erst schuldig ist, wenn dies erwiesen ist. etc. etc.
    Frau Braun liegt hier richtig. Mandant ist nicht DA, Punkt. Man weis nicht ob ein Erdbeben oder eine Flasche Jägermeister, den Mandanten verhindert haben. Wenn der Durst des Mandanten eh schon Aktenkundig ist, wird das ja sowieso zur Sprache kommen. Warum also "too much information" preisgeben?

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  10. @Anonym 10:49
    Das Verhalten des Kollegen hatte ein unschönes "Geschmäckle". Ich würde es nicht schätzen, wenn mein Anwalt - überspitzt dargestellt - äußert: "Frau Braun hat gestern sicher wieder gesoffen und kommt daher nicht aus der Kiste. Meine Schuld ist es nicht, Herr Vorsitzender, denn ich habe ihr extra gesagt, sie soll ausnahmsweise mal pünktlich erscheinen."

    @Anonym 11:30
    Tztztz. Das wäre völlig unhanseatisch.

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  11. Ist jetzt die Preisgabe des Alkoholproblems der Stein des Anstoßes oder die Preisgabe der letzten Kontaktaufnahme?

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  12. Ist bestimmt seeehr hilfreich die Info, wenn der Mandant - womöglich völlig unschuldig - nächste Woche in einen folgenschweren Verkehrsunfall verwickelt wird und der Richter ihn zum Warmwerden beim Prozess erst einmal nach seinem Alkoholproblem befragt. Oder ähnliches mehr. Ich wäre sicher auch angefressen. Was macht man da als Mandant, wenn man davon erfährt, welch Quatschtüte der Anwalt so ist? Die Info ist ja nun mal in der Welt - so oder so.

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  13. @Anonym 16:30
    Ich war mit der Gesamtsituation unzufrieden. ;-)
    Es kann auch daneben sein, die letzte Kontaktaufnahme zu offenbaren ("Ach ja, den habe ich vor sechs Monaten das letzte Mal gesprochen!").

    @Claudia
    Der Mandant wird in der Regel davon ja nichts erfahren.

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  14. Es wäre m.E. deutlich riskanter und schädlicher für den Mandanten und unprofessioneller gewesen von dem Kollegen, wenn er hier einen Haft- oder Vorführungsbefehl riskiert hätte und Information oder Gespräch verweigert hätte. DAS hätte dem Mandanten geschadet. DAS wäre m.E. unprofessionell und vor allem haftungsrechtlich relevant geworden. Offenbar war das Alkoholproblem ja längst gerichtsbekannt, laut der Mitteilung oben - somit auch keine Mitteilung eines Geheimnisses. Und zudem würde ich es mir nie anmassen, von hinten von der Zuschauerbank aufgrund eines oder zweier Sätze eines Kollegen den Sachverhalt und dessen Prozessverhalten beurteilen zu wollen und noch dazu öffentlich im Internet hier über den Kollegen herzuziehen und mich über ihn lustig zu machen. So möchte keiner behandelt werden, das ist m.E. nicht seriös und nicht kollegial.

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  15. @Anonym: Kann es sein, dass Sie selbst es sind, über den die Kollegin hier berichtet hat?
    Anders vermag man ihre Aufregung kaum nachzuvollziehen.

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  16. Diese Frage ist absolut berechtigt. Also, Herr Anonym? Sind Sie der treudoofe Anwalt? :) Denn ansonsten müssten Sie doch akzeptieren, dass es für einen halbwegs fähigen Anwalt geschicktere Möglichkeiten geben muss, einen Haft- oder Vorführungsbefehl zu vermeiden. Den Mandanten als unverbesserlichen Besoffski hinzustellen kann ja wohl nicht ernsthaft hierfür in Betracht kommen.

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