Montag, 12. Juli 2010

Ich als Frau und Strafverteidigerin

Gestern im klimatisierten ICE las ich in der Frankfurter Rundschau eine Kolumne, in der die Juristen nicht gut wegkamen. Mir fallen viele Gründe ein, Juristen nicht zu mögen: Burberryjacken, Siegelringe, ach, es gibt so vieles. Was ist eigentlich aus den Leuten im ersten Semester geworden, die schon am ersten Tag des Studiums eine Aktentasche dabei hatten und sagte: "Ich will ja mal Diplomat werden!"?

Die Autorin der Kolumne meckerte allerdings über etwas, dass ich noch nie erlebt habe. Sie schrieb, dass Juristen jeden Satz mit "Ich als Jurist.." anfingen. So wollten sie wohl Distanz zum Gesagten schaffen. Aha. Kennt jemand Anwälte, Verwaltungsjuristen, Richter oder sonstige Juristen, die so sprechen? Vielleicht teste ich - so als Anwältin und Frau - das mal eine Woche lang.

Heute Abend beim Essen fange ich an:
"Ich als Mensch bin mit Ihrem Tiramisu ganz zufrieden. Als Strafverteidigerin muss ich Ihnen aber sagen, dass es den Tatbestand der Körperverletzung erfüllen könnte."

Kommentare:

  1. Die Kolumne stand doch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und nicht in der FR...

    Jedenfalls ist mir dort gestern der Titel aufgefallen.

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  2. "Gestern im klimatisierten ICE..." Sie Glückliche :-)

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  3. @Meister
    Ah, das kann sein. Mein Gehirn war - trotz Klimaanlage - nicht so fit.

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  4. geschickt gemacht, dem staunenden Publikum mitzuteilen, was Sie alles lesen :-) :-) :-)

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  5. das war die Sonntags-FAZ ! Ich habe mich in meinem Burberry-Mantel auch empört! Seit wann lesen Sie den Wirtschaftsteil?

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  6. @RALupo
    Sehr scharfsinnige Frage! Ich hatte mir den Teil schon als Katzenkloeinlage vorgemerkt und sah dann das Reizwort "Juristen".

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  7. Bei den Juristen, die ich treffe, ist immer klar dass es welche sind, ohne dass sie es sagen. Das mag daran liegen, dass Beruf und das Gerichtsgebäude als Treffpunkt so schön zusammenpassen. ;-)

    Zwar sind Chrakterstudien aufgrund der Berufswahl interessant, aber man sollte es nicht übertreiben. Muss ich dann als Biologe alles mit dem Fahrrad zurücklegen, während der Maschinenbauingenieur zum Zigarettenautomaten mit dem Porsche fahren darf?

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  8. Sie sind vielleicht zu jung, wenn Sie Perlenketten tragen, wird es vielleicht so kommen.

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  9. @verwickeltes
    Na klar. Und Sie müssen bei Ihren Eltern wohnen , von Mama gestrickte Norwegerpullis tragen, mit 45 noch in der Mensa essen ("schmeckt doch") und hier Unterlagen in einem Jutebeutel mit sich führen.

    @Anonym
    Puh, dann wird ja doch noch alles gut.

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  10. dem gemeinen juristen würde ich eher die worte "das kommt drauf an!" zuschreiben...

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  11. @ forsÀle

    das kommt darauf an in welchem zusammenhang sie jemanden der an einer juristischen ist/war fragen... würde ich mal so sagen (auch so ne typische floskel ich weiß)

    Aber dieses "Ich als Jurist..." keine ahnung, man macht den mund auf und die leute wissen was man studiert...

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  12. Die im diplomatischen Dienst haben die Kultur der Barbourjacke und des Siegelrings einfach ins Ausland getragen. In Europa erkennt jeder einen deutschen Juristen einer bestimmten Generation an äußeren Merkmalen. Und der inkriminierte Satz ("ich als Jurist"), den kann ich bestätigen. Er wird gerne von den benutzt, die - Eigenaussage - "auch mal Jura studiert haben", also genau wissen, was der dämliche Anwalt da macht. Die bislang beste Pointe war der (authentische) Satz "der Mensch fängt meiner Meinung nach beim Juristen erst an" - von einem 'Kollegen' der nach dem Studium 30 Jahre in verschiedenen Mamagementpositionen war. Also: "Ich als Anwalt..." - Lassen wir das, es ist heiß.

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  13. Tiramisu, Körperverletzung??
    Wo wollen Sie denn essen?
    Eis als Dessert ist aber bei der Hitze auch besser,oder?

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  14. Nun ja, ich habe das zweifelhafte Vergnügen, seit rund 5 Jahren mit einem Anwalt aus dem hiesigen Naturvolk im selben Haus zu wohnen. Ist schon schräg, besonders die Fachgespräche, wenn der Herr Rechtsverdreher und ich einander mal wieder an der Waschmaschine begegnen und er tatsächlich nach zwei bis drei Umdrehungen, Haken und hochkomplizierten Verwicklungen beim Thema Jura landet oder dabei, "eigentlich auch schon lange ein Buch zu planen" und dann ganz ganz schrecklich spannende Spionage- und Verschwörungs-Plots ausbrütet, während er mit der Rechten lässig das Persil in die Waschmaschine kippt.
    Womöglich trübt da etwas zuviel Landluft den juristischen Verstand. Übrigens: Nein, der Mann ist nicht Single. Er hat Familie und vier Kinder. Da seine Frau damit wohl ausgelastet ist, erledigt er neben der eigenen Kanzlei auch Wäsche, Müll und Einkauf... Wie man einen Anwalt DAZU bringt, fände ich noch spannend, hab ich mich aber bisher nicht getraut zu fragen. ;-)

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  15. @Claudia:

    Das funktioniert nur bei "Nicht-Zivilrechtlern". Der Zivilrechtler würde die Aufgaben nämlich seinen Kindern übertragen, § 1619 BGB. ;o)

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  16. Ich kenne das Problem sehr wohl und erwische mich auch bei einem sehr ähnlichen Verhalten:

    Bei Kneipengesprächen mit gleichermaßen juristischem wie moralischem Beigeschmack (beispielhaft der Themenkomplex: Selbstmord, Beihilfe zum Selbstmord, Unterlassene Hilfeleistung und deren Strafbarkeit) erwische ich mich regelmäßig, dass ich irgendwann von "wir (Juristen)" spreche.

    Und das eigentlich immer an den Stellen, die verdächtig werden, zwar begründbar aber nicht meine Meinung zu werden.

    "Ich als Jurist ..." kenne ich dagegen eher von Gesprächspartnern, die einem schwachen (folgenden) Argument, wenigstens irgendein Gewicht mitgeben wollen.

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