Dienstag, 20. Juli 2010

Das Leiden der Nebenklagemausis

Heute war ich nebenklagend in einer Berufungsstrafsache unterwegs (quasi ein Ausflug), es ging um § 176 StGB. In der ersten Instanz war der Angeklagte geständig und bekam ein recht mildes Urteil, Berufung wurde nur durch den Angeklagten eingelegt, ein Verteidigerwechsel fand statt.

Zu Beginn der Verhandlung ein Paukenschlag: Geständniswiderruf. Ich erwartete spannungsvoll etwaige Anträge der Verteidigung. In der ersten Instanz sei er - der Angeklagte - von dem Verteidiger zu einem Geständnis gedrängt worden, sagte er. Hm, mag sein, vielleicht war der Rat des sehr erfahrenen Kollegen aber auch durchaus sinnvoll. Naja, ich wartete und der Angeklagte redete. Und redete. Und es war furchtbar.

Wie man als Verteidigerin in der Berufungsinstanz den Angeklagten dann - nach dem Geständniswiderruf - seine Angaben aus der ersten Instanz wiederholen lassen kann, das ist mir unerklärlich. Ich fing an, auf meinem Stühlchen neben der Staatsanwältin unruhig zu werden, mir kribbelte es in den Fingern und ich wollte nichts lieber als die Plätze mit der..ähm..Verteidigerin tauschen.

Berufung wurde dann irgendwann nach einer kurzen Unterbrechung zurückgenommen. Kollegin lächelt lieb und fragt die Vorsitzende:"Hm, kann mein Mandant vielleicht ein halbes Jahr mehr bekommen und dafür fällt die Bewährungsauflage weg?" Weia. Die Kollegin sah offene Münder - und einen leidenden Gesichtsausdruck. Meinen.

Kommentare:

  1. Also ich fasse das nochmal so für mich zusammen, wie ich es verstanden habe:
    Sie sind in dem Prozeß Vertreterin der Nebenklage und vertreten daher wahrscheinlich das oder die Opfer. (Ich bin Laie.) Und das bei einem Tatvorwurf, bei dem Sie als Frau und (nein, nicht RAin sondern) Mensch wahrscheinlich am liebsten dafür plädieren würden, dass der Angeklagte an seinen Klöten an der Köhlbrandbrücke aufgebämselt wird. An seiner Schuld dürfte, wenn man das Geständnis und den Verlauf des ersten Prozesses in Betracht zieht, zumindest kein subjektiver Zweifel mehr bestehen.

    Und seine Verteidigerin ist so exorbitant schlecht, dass sie tatsächlich Mitleid empfinden und die Sache am liebsten selbst in die Hand nehmen würden? BOAH, die muss ja ECHT sch.... gewesen sein... :-)

    (Vielleicht war es ihre Absicht??)

    AntwortenLöschen
  2. @Alleswisser
    Wenn die Kollegin absichtlich schlecht verteidigt hat, dann ist das eine Sauerei. Wenn man als Anwalt oder Anwältin in "Schmuddelverfahren" nicht verteidigen mag oder kann, dann soll man es lassen.
    Und, naja, Mitleid ist wohl ein unpassender Ausdruck. Ich empfinde es aber - und so wird es fast allen Kollegen gehen - unangenehm bis schmerzhaft, bei einer gruseligen Verteidigung zuzusehen.

    AntwortenLöschen
  3. besonders pikant die Idee der Verteidigerin, die Strafe ERHÖHT haben zu wollen (selbst wenn es rechtlich ginge - was ja nicht der FAll ist)!

    AntwortenLöschen
  4. es leiden - glaube ich - nicht alle Nebenklagevertreterinnen, sondern nur die, die an sich "Verteidigungsmausis" sind

    AntwortenLöschen
  5. @FXD
    In der Tat.

    @Detleff Burhoff
    Das mag sein. Ich will das aber bloß nicht zu oft machen mit der Nebenklage. Auf einmal sage ich sonst noch Sachen wie "Der Staatsanwalt war voll nett."
    ;-)

    AntwortenLöschen
  6. Also bei so einem Verteidigungsverhalten leidet vermutlich sogar der Richter...

    AntwortenLöschen
  7. Mich würde ja interessieren, was die Bewährungsauflage wohl war, dass er dafür ein halbes Jahr mehr in Kauf nehmen würde?

    Insgesamt muss die Strafe ja wohl wirklich erheblich gering gewesen sein. Denn er oder viel mehr seine Nebenstaatsanwältin hätte das halbe Jahr mehr wohl nicht verlangt, wenn dafür die Berufung komplett weggefallen wäre.

    Vielleicht etabliert die Kollegin ja die Verschmelzung von Nebenklage und Verteidigung. :) Ein Anwalt weniger spart weningstens Geld.

    Gruß
    Joe

    AntwortenLöschen
  8. Och, bei 10 Jahren Knast und weiteren 10 Jahre Berufung mit der Auflage, z.B. im Sommer kein Eis zu essen, würde mir ein halbes Jahr mehr hinter Gittern kaum auffallen. Lieber danach ein schönes Eis...
    (ist schon wieder viel zu warm hier)

    AntwortenLöschen
  9. Dieses Phänomen nennt man übrigens schönerweise "Fremdschämen".

    AntwortenLöschen
  10. Vielleicht fällt die Verteidigung aber auch unter diesen Tenor:

    Der Angeklagte zu seinem Rechtsanwalt: "Wenn ich mit einem halben Jahr davonkomme, kriegen sie 10000 Dollar von mir." Nach dem Prozeß meint der Anwalt: "Das war ein hartes Stück Arbeit, die wollten sie doch glatt freisprechen."

    Who knows?

    AntwortenLöschen
  11. Und wie ist es nun ausgegangen? Bekam der Angeklagte einen Mitleidsbonus wegen lausiger Verteidigung angerechnet? :) War es wenigstens für Ihre/n Mandanten ein erfolgreicher Tag - abgesehen von der vermutlichen Freude bei DER Verteidigung des Angeklagten? Ich hätte da bestimmt Freude bei empfunden, ehrlich gestanden. Warum sind Sie eigentlich eigentlich so ungern Nebenklagemaus? Die unspannenderen Mandanten oder was ist es?

    AntwortenLöschen
  12. @Geschichtenblogger: Die Auflage waren sicher regelmäßige wöchentliche Treffen mit der Anwältin zwecks Resozialisierung, was diese zu verhindern suchte. :-D

    AntwortenLöschen
  13. @Claudia
    Naja, durch die Rücknahme der Beufung wurde das Urteil aus der ersten Instanz rechtskräftig. Eine Bewährungsstrafe gab es und meine Mandantin war zufrieden.
    Ich mache ungern Nebenklage, weil ich den Eindruck habe, dass viele Mandanten die "Nebenklagemaus" als Racheengel instrumentalsieren wollen. Außerdem finde ich es persönlich spannender, zu verteidigen. Es gibt übrigens nicht nur "Nebenklagemausis" mit Piepsstimme und betroffenen Gesichtsausdruck, sondern auch Kollegen und Kolleginnen, die im Rahmen der Nebenklagevertretung sehr gute Arbeit leisten.

    AntwortenLöschen
  14. Was aber nur erforderlich ist, wenn der Vertreter der StA eine Pfeife ist. Leisten das Gericht und die StA in der HV gute Arbeit, muß man nicht auch noch in das Horn stoßen.

    Ich halte Nebenklage nur dann für sinnvoll, wenn der Mandant daneben auch zivilrechtliche Ansprüche verfolgen will. Dann ist die Nebenklage geeignet, im Strafverfahren "Munition" zu sammeln, die einem allein im Zivilverfahren nicht zur Verfügung stünde. Im übrigen halte ich die Nebenklage für eine recht überflüssige und wirklose Einrichtigung, die allen anderen Verfahrensbeteiligten eher auf die Nerven fällt.

    AntwortenLöschen