Samstag, 5. Juni 2010

Strafrecht? Zivilrecht? Who cares!

Ich vertrete gerade zivilrechtlich einen Menschen, der bei einer Prügelei massiv verletzt wurde und bleibende Schäden davon getragen hat. Ein Schmerzensgeldanspruch bewegt sich im Bereich von etwa 10.000,00 Euro.

Im Strafverfahren gegen den Schädiger war ich nicht tätig, es wurde also kein Adhäsionsantrag gestellt. Dies wäre auch nicht möglich gewesen, da es sich um ein Verfahren gegen einen Jugendlichen handelte.

In dem Strafurteil finde ich nun die Formulierung "Dem Angeklagten wird auferlegt, dem Geschädigten ein Schmerzensgeld in Höhe von 1500,00 Euro zu zahlen. Diese Geldauflage kann in monatlichen Raten zu je 150,00 Euro gezahlt werden."

Der gegnerische Rechtsanwalt hat auf mein Aufforderungsschreiben erstaunt reagiert. Wie, Schmerzensgeld? Was? Und gleich so viel? Das Gericht hat doch entschieden, in welcher Höhe ein Schmerzensgeld angemessen ist, oder?

Eine interessante Auffassung, die ich nicht teile. Allerdings wäre es hübsch gewesen, wenn der Strafrichter im Strafurteil nicht abwechselnd von Schmerzensgeld und Geldauflage spräche. Wobei der Unterschied zwischen ausgesprochener Strafe und zivilrechtlichen Ansprüchen auch dann keinem der Naturalparteien klarer sein dürfte. Ich wette, dass der Schädiger bei Erhalt der Klage zu seinem Anwalt sagen wird:"Hä, ich bin doch schon verurteilt!"

Kommentare:

  1. Die Höhe des Schmerzensgeldes, die die Zivilgerichte zusprechen, ist schon sehr niedrig. Die Höhe des Schmerzensgeldes in Strafverfahren ist nur noch als Scherz zu betrachten. In soweit ist keinem Geschädigten zu raten, das Schmerzensgeld im Strafverfahren mit aburteilen zu lassen.

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  2. Was für ein asoziales Verhalten... zuerst einen Menschen so zurichten, dass er bis an sein Lebensende darunter leiden wird und dann auch noch annehmen, dass man mit EUR 1.500 davon kommt.

    Es ist schon ein Skandal, dass man dafür nur EUR 10.000 zahlen muss. Eigentlich sollte man noch viel mehr zahlen müssen. Wenigstens kommt als Genugtuung noch drauf, dass der Typ wahrscheinlich noch sehr viele Jahre - möglicherweise die maximal vollstreckbaren 30 Jahre - die Behandlungskosten abstottern wird. (Wenn er denn nicht Hartz IV bezieht und mangels vollstreckbarem Einkommen machen kann, was er will.)

    @ RAin Braun
    Hätten Sie bei einem Verfahren gegen einen Erwachsenen einen Adhäsionsantrag gestellt? Das soll ja in der Praxis eher selten vorkommen und bei den Strafrichtern auch nicht so gern gesehen sein...

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  3. @Anonym 13:09
    Ich vermute, dass ich auch bei einem Verfahren gegen einen Erwachsenen keinen Adhäsionsantrag gestellt hätte. In den meisten Fällen ist es sinnvoller, einen Zivilrichter über die Höhe urteilen zu lassen, Strafrichter liegen da in der Tat (siehe Kommentar von T.S.) etwas "daneben".

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  4. @RAinBraun
    gerade diese unterschiedlichen Bewertungen - in allen möglichen Bereichen - sind m.E. Grund für eine gewisse Unmut beim "einfachen Volk". Es ist ja nicht nur Strafrecht und Zivilrecht, es setzt sich z.B. auch im "Wert" des Unterhalts eines Kindes fort (Düsseldorfer Tabelle vs. Hartz4 vs. Berechnungen von unabhängigen Institutionen).

    Für mich als "einfachen Bürger" sieht das alles nach "Willkür" aus.

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