Mittwoch, 26. Mai 2010

Elterlicher Maßnahmenkatalog

In Jugendstrafsachen haben die jugendlichen Beschuldigten oft mehr Angst vor den eigenen Eltern als vor dem Termin bei Gericht. Sicherlich in vielen Fällen zu recht.

Häufig sind auch die Reaktionen der Eltern auf eine Straftat wesentlich "krasser" als die von einem Gericht zu erwartende Strafe.

Eine jugendliche Mandantin kürzlich wurde wegen eines Diebstahls (Lippenstift und Lidschatten) von den Eltern wie folgt bestraft:

- Wegnahme des Handys
- Absage der Geburtstagsfeier
- Absage des Urlaubs
- Taschengeldsperre
- Wegnahme des Computers
- Ausgehverbot für vier Wochen
- Kontaktverbot zu den Freundinnen

Von dieser Schwemme an Maßnahmen war der Jugendrichter so beeindruckt, dass er das Verfahren wegen einer bereits durchgeführten erzieherischen Maßnahme (§ 47 Abs. 1 Nr. 2 JGG) eingestellt hat.

Mit der Ergebnis waren alle zufrieden. Ich hoffe nur, dass die Mandantin keine Straftaten mehr begeht. Bei einer Körperverletzung oder einem ähnlichen Vorwurf, da droht doch dann schon fast eine Strafe wie das Einschläfern des Haustiers, oder?

Kommentare:

  1. Wäre ich die Fernsehanwältin mit Kanzleisitz im Einkaufszentrum, dann hätte die Mandantin erst einmal eine Weile bei mir gewohnt. ;-)

    AntwortenLöschen
  2. @Kollege Feltus
    Nein. Mein Vater sitzt a) nicht im Rollstuhl und b) ist er Eintracht-Fan.
    ;-))

    AntwortenLöschen
  3. Als Höchsstrafe fehlt ja nur noch die Lektüre eines Buches...

    AntwortenLöschen
  4. @RA Munziger
    Das ist doch fast implizit bei Wegnahme von Handy und Computer... ;-)

    AntwortenLöschen
  5. @RA Munzinger
    Die Lesestrafe ist nicht mehr ganz neu:
    http://www.hna.de/nachrichten/hessen/strafe-jugendliche-muessen-buch-lesen-712891.html

    AntwortenLöschen
  6. herr rechtsanwalt munzinger, ich darf doch sehr bitten! schon mal was vom verbot erniedrigender und entwürdigender strafen gehört?

    AntwortenLöschen
  7. "... wegen einer bereits durchgeführten erzieherischen Maßnahme ..."
    Durchgeführt sind offenbar nur:
    Wegnahme des handys.
    Wegnahme des Computers.
    Die anderen sogenannten Maßnahmen sind noch nicht durchgeführt! Wer überprüft die Durchführung dieser Maßnahmen?
    Und, was heißt "erzieherische Maßnahmen"?
    Da ist doch bereits im Vorfeld eine Erziehung offenbar (zu wenig Taschengeld?) gescheitert.
    Naja, und dabei fällt mir folgendes ein:
    Die Begründung des 47 iVm 45 II ist zwar für Mandant ein Erfolg aber vom Rechtsstandpunkt für mich nicht einleuchtend und - da steht was von Staatsanwalt, nicht Richter...aber wenn Richter, dann würde ich in diesem Fall richten, denn wie sollen sich unsere Kinder an einen Rechtsstaat gewöhnen, wenn sie solch lächerlichen Konsequenzen ausgesetzt sind, das geht dann in Richtung eines Ackermann-Rechtsstaates?:
    “Die Strafrichter haben sich bei der Beurteilung des Einzelfalls jeder eigenen Bewertung von Täter und Tat zu enthalten und ausschließlich das Gesetz anzuwenden. Was andernfalls zu geschehen hat, steht in § 336 StGB: Ein Richter, der vorsätzlich ein geltendes Gesetz nicht anwendet, weil er ein anderes Ergebnis für gerechter, für politisch opportuner oder aus anderen Gründen für zweckmäßiger hält, erfüllt den Tatbestand der Rechtsbeugung.”
    Oh - jetzt habe ich mich aber verplauscht.

    AntwortenLöschen
  8. Aber ohne Taschengeld muss sie ja wieder klauen... ;-)

    AntwortenLöschen
  9. Finde, mit Verlaub, dass solch kranke Eltern angeklagt gehören.

    Als Folgen solch gestörter Vertrauensverhältnisse erleben wir alljährlich etwa folgendes Szenario:

    Mädel traut sich nicht auf Kondom zu pochen, wird schwanger, treibt(heimlich) ab, braucht medikamentierte Therapie, Schulnoten im Keller.

    Und die Eltern wissen "überhaupt nicht, was los ist mit dem Kind".

    AntwortenLöschen