Mittwoch, 12. Mai 2010

1a Entlastungszeuge

Einige Male ist es im Laufe meiner bisherigen Tätigkeit vorgekommen, dass der Mandant von einem total tollen Entlastungszeugen berichtete, den er in der Hauptverhandlung "mitbringen" wolle.

"Hm.", sagt die Rechtsanwältin dann und teilt mit, dass sie den Zeugen gerne selbst zunächst vernehmen wolle.

"Hm.", sagt der Mandant dann. Das sei schlecht, der habe doch immer so viel zu tun/eine weite Anreise/eine Anwaltsphobie oder sei gerade im Urlaub. Aber das gehe schon in Ordnung so, der schulde ihm ja noch einen Gefallen.

Nach umfangreichen Erklärungen zu den Risiken eines solchen Vorgehens haben bisher alle Mandanten Abstand von dem "Entlastungszeugen" genommen. Einmal bekam ich allerdings von dem vermeintlichen Zeugen einen Brief (ohne Absender) mit etwa folgendem Inhalt.

Frau Braun, der Kalle war das nicht, das ist auch gar nicht seine Art. Der Kalle klaut keine Autos der bricht ein. Gruß, Ede


In der Hauptverhandlung hatte Ede allerdings auch keinen Auftritt.

Kommentare:

  1. Dafür lässt sich Kalle, der vielleicht auch Ali oder Youssuf heißt, in der Hauptverhandlung so ein:
    "Ich kann das gar nicht gewesen sein, schließlich war mein Vater ein angesehener Schafhirte, mein Großvater und mein Urgroßvater waren ebenfalls angesehene Schafhirten, das können alle bezeugen."

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  2. Also nee... selbst Zeugen "vernehmen" mache ich nicht mehr. Erstens kommt es bei Gericht - obgleich erlaubt - nicht gut an, wenn herauskommt, daß der Verteidiger den Zeugen schon einmal in seiner Kanzlei begrüßt und "vernommen" hat. Das riecht immer nach unzuverlässiger Beeinflussung des Zeugen und läuft mitunter darauf hinaus, daß der Zeuge hauptsächlich darüber befragt wird, was sich in der Kanzlei des Verteidigers abgespielt hat. Wenn dann der Zeuge Unsinn erzählt ("der Anwalt hat gesagt, ich soll sagen..."), findet man sich ganz schnell in der Position des Verteidigers in eigener Sache wieder.

    Zweitens erzählen Zeugen dem Verteidiger oftmals ganz andere Dinge als später in der Hauptverhandlung. Im Büro des Anwalts heißt es noch, man werde hoch und heilig versichern, daß Kalle mit der Sache nichts zu tun hatte; das habe man selbst gesehen, gehört und gerochen. In der Hauptverhandlung kommt dann das große Schweigen oder der große Unsinn. Wenn man als Verteidiger dann vor allem auf die erwartete Aussage des Zeugen gesetzt hat, steht man ziemlich blöd da.

    Zeugen können bei der Polizei, bei der StA oder vor Gericht aussagen. Aber nicht in meinem Büro.

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  3. @anonym
    Ich stimme Ihnen zu, dass das Thema "Zeuge in des Anwalts Büro" ein sehr heikles Thema ist. Im Fachanwaltskurs und auf diversen Fortbildungen ist es bis zum Erbrechen besprochen worden. Einige Kollegen hier in Hamburg scheinen echte Fans von Vernehmungen im eigenen Büro zu sein.
    Den von Ihnen genannten Punkten versucht man durch diverse Maßnahmen (Protokoll, eigener "Zeuge" während der Vernehmung dabei etc.) zu begegnen.

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  4. @Anonym "Das riecht immer nach unzuverlässiger Beeinflussung des Zeugen":

    Eine unzuverlässige Beeinflussung von Zeugen sollte auch tunlichst vermieden werden ;-)

    Scherz beiseite: Ich halte auch nichts davon, jeden Entlastungszeugen erst in der Kanzlei anzuhören. Wenn aber erhebliche Zweifel bestehen, daß der Zeuge zugunsten des Mandanten aussagen wird, halte ich es für zweckmäßig, vorher mit dem Zeugen zu sprechen, um in Erfahrung zu bringen, ob der Zeuge überhaupt benannt werden sollte.

    Dabei weise ich einen solchen Zeugen auch ausdrücklich darauf hin, daß er auf Nachfrage dem Gericht selbstverständlich mitteilen sollte, daß (und wie) diese Besprechung stattgefunden hat. Dann sollte es gerade nicht zu der Situation kommen, daß ein danach befragter Zeuge vor Gericht erst herumdruckst und dann als Ausdruck eines (ungerechtfertigten) schlechten Gewissens "einräumt", mit dem Verteidiger gesprochen zu haben.

    Bislang habe ich damit glücklicherweise noch keine negativen Erfahrungen gemacht.

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  5. Hier gab es mal einen übereifrigen Entlastungszeugen. Der wollte gesehen haben, wie die Geschädigte mit den Angeklagten einvernehmlich auf dem Sofa saß, während er Pizza lieferte.

    "Die Frau war auch heute da", verwies er - wohl um seine Erinnerung besonders zu untermauern - auf eine Frau, die mit ihm vor den Saal gewartet hatte.

    Überraschung beim Gericht, denn die vergewaltigte Frau war an dem Tag gar nicht geladen.

    "Der meint die Ärztin", warf der Jugendgerichtshelfer ein, die Zeugin zuvor. Nur war die blond und sah ganz anders aus als die Geschädigte.

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  6. Hey man, der Kalle wars doch aber wirklich nicht ;). Gruß Ede.

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  7. Ede sagt die Wahrheit, Euer Ehren.

    gez. Kalle

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  8. "Der Kalle klaut keine Autos der bricht ein. Gruß, Ede" Brüll, lach, kicher, ein klasse blog Frau Anwältin. Humorvoll.

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  9. zeugen ins büro kommen lassen ist definitiv keine gute idee. egal ob man´s darf oder nicht, es macht vor gericht IMMER einen schlechten eindruck und man schadet damit 1. dem mandanten und 2. sich selbst.
    ich kenne genügend kollegen, bei denen das zu einem verfahren gegen sie selbst geführt hat...

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