Montag, 14. Mai 2012

Die Dolmetscherin rät

Kürzlich war ich mit einer Dolmetscherin in der Untersuchungshaftanstalt, der Mandant ist polnischer Staatsbürger. Nach Beendigung der Besprechung nimmt mich die Dolmetscherin zur Seite und sagt: "Sie müssen aufpassen, dass Sie Ihr Geld kriegen, lassen Sie sich nicht über den Tisch ziehen. In Polen arbeiten die Rechtsanwälte nur gegen Geld, sonst machen die nix." Ich habe darauf hingewiesen, dass auch ich gegen Geld arbeite. Wurde als Argument nicht gezählt. Die Dame meinte vielmehr: "Hier gibt es doch überall Anwälte vom Staat, da Prozesskostenhilfe, hier Pflichtverteidiger. In Polen ist Bares angesagt!" Grundsätzlich ein guter Tipp.

Donnerstag, 19. April 2012

Desperatly seeking und total off topic

Unter Affektionsinteresse versteht man - so als Strafrechtlerin grob gesagt - den Liebhaberwert einer Sache, der nicht in Geld gemessen werden kann.

An eigenem Leib spüre ich dies nach dem Verlust meines Glücksbringers, eines kleinen Geldbeutels aus Filz, den Sie hier sehen können. Sollte ein Hamburger Blogleser ihn gefunden haben, der Rechtsstaat und ich brauchen ihn.

Gelernt??

Über die Frage, ob ein Rechtsanwalt, der sich als Verteidiger meldet, eine Vollmachtsurkunde vorlegen soll/muss/darf, haben viele Kollegen schon etwas geschrieben. Nicht zuletzt
im Vollmachtsblog wird das Thema immer wieder diskutiert.

In Hamburg kommt es kaum noch vor, dass die Staatsanwaltschaft eine schriftliche Vollmacht verlangt. Bei einer Staatsanwaltschaft im nahen Schleswig-Holstein hingegen kommt die Akte immer mit einem fetten Hinweis: VOLLMACHT FEHLT NOCH! BITTE ÜBERSENDEN!

Freundlich schreibe ich jedes Mal einen netten Text, bzw. füge ihn mit copy und paste ein. Nachfragen bzw. erneute Bitten nach Vorlage einer Vollmachtsurkunde kamen noch nie.

Nun liegt hier eine Akte dieser Staatsanwaltschaft und das erste Mal in fünf Jahren ist keine Aufforderung zur Vollmachtsvorlage dabei! Was? Echt? Ich suche den Satz hektisch, aber er ist nicht da.

Ich möchte mir nun ein paar Minuten einbilden, dass es kein Zufall - sondern ein Lerneffekt - ist.

Donnerstag, 12. April 2012

Helden auf Couch

In der Welt online bin ich heute über ein Foto der Anwälte von Anders Breivik gestolpert. Zu sehen ist es..nicht..

Beim kurzen Blick auf das Bild dachte ich eine Sekunde tatsächlich an eine neue Serie, der Titel des Artikels ist daher ganz treffend.

Der Vizepräsident der Bundesrechtsanwaltskammer findet die Darstellung der Anwälte "furchtbar und völlig inakzeptabel".

Täusche ich mich, oder ist das Fotografieren vor den im Artikel zitierten Bücherwänden nicht schon lange aus der Mode?

Dienstag, 10. April 2012

In´s Poesiealbum

Manchmal notiere ich mir Sätze von Mitverteidigern und/oder von Verteidigern überhaupt (wenn Nebenklage), die ich besonders hübsch, boshaft oder was auch immer fand.

Heute hat es:

"Solange das Oberlandesgericht als Revisionsinstanz, wenn es von Rechtsprechung des BGH abweichen möchte, vorlegen muss, so lange können Sie jeden Antrag so falsch entscheiden wie Sie wollen."


ins Poesiealbum geschafft.

Schwarze Liste

Ein kleines Stadtteilgericht mit sehr flauschiger Atmosphäre. Hier wird man auch gerne mit "Sie waren doch erst letzte Woche hier, bei Richter Flauschheimer! Und nächste Woche sind Sie bei Frau Kuschelburger!"

In einer Jugendstrafsache war ich beigeordnet worden, die Verhandlung verlief sehr fair und ordentlich und nach einigen Verhandlungstagen ist mein Mandant freigesprochen worden. Der Freispruch war vorher von Seiten des Gerichts und des Staatsanwalts schon einmal zart angedeutet worden, wegen des Mitangeklagten mussten noch einige Tage verhandelt werden.

Nach Ende der Verhandlung, Kollegin und ich packen unsere Sachen zusammen, da spricht mich der Vorsitzende an: "Na, Sie haben hier aber ganz schön viele Freisprüche und gute Ergebnisse! Ich habe mich mal umgehört."

Da bin ich nun wohl auf der schwarzen Liste gelandet. Und ganz ohne Befangenheitsanträge oder so was.

Sonntag, 8. April 2012

Opferkult

Großartig, was heutzutage so alles geht. Am Ostersonntag kann ich schon den "Spiegel" von Dienstag lesen. Ein anderes Titelbild als beispielsweise ein Exemplar in Wanne-Eickel hat meine Ausgabe auch, da der Titel sich mit "Heimat" beschäftigt. Die Hamburger bekommen als Titelbild den Elbstrand.

Spannender fand ich aber einen Artikel von Gisela Friedrichsen zum Thema des Opferschutzes und dessen stetiger Ausweitung. Eine richtige Meinung von Frau Friedrichsen kann ich dem Artikel nicht entnehmen. Sie listet einige Prozesse auf, in denen die mutmaßlichen Opfer eine breiten Raum eingenommen haben. Beispielsweise das Verfahren gegen den Vater des Amokschützen von Winnenden oder den gerade in Hamburg stattfindenden Prozess gegen den "Todesfahrer von Eppendorf". Ein Zitat ("Opfer sind Kult.") eines Münchner Strafverteidigers wird genannt. Ansonsten nicht viel Neues in dem Artikel.

Ich würde mich wünschen, dass der Opferschutz schon lange vor dem Gerichtsverfahren einsetzt. Nach meiner Erfahrung wissen die Menschen bei bzw. vor der Erstattung einer Anzeige nicht, was überhaupt auf sie zukommt. Dass sie möglicherweise mehr als einmal vor Gericht aussagen müssen; dass es für einen erwachsenen Zeugen gar nicht so einfach ist, in Abwesenheit des Angeklagten auszusagen; dass sie ein Strafverfahren nicht nach Belieben irgendwann stoppen können, weil sie nicht mehr möchten. Die Liste könnte ich lange fortsetzen.

Bei allen meinen (wenigen) Nebenklagemandaten hatten die Mandanten völlig falsche Vorstellungen von dem Ablauf des Verfahrens. Einer Mandantin war bei der Polizei wohl versprochen worden, dass sie nicht vor Gericht aussagen müsse. Die Aussage bei der Polizei sei ausreichend, sie brauche keine Angst haben.

Hier sollte der Opferschutz ansetzen - aber wahrscheinlich besteht daran nicht unbedingt Interesse.